22.07.2017 14:29
Verein, Geschichte, Zeitreise

Hackler seit 120 Jahren!

Als sich 1897 einige Arbeiter der Hutfabrik der Gebrüder Böhm zusammentaten um eine, erst vor kurzem nach Wien gekommene, Sportart auszuprobieren rechnete wohl niemand damit, was daraus einmal entstehen würde. Aus dem so genannten Arbeiter FC sollte nur eineinhalb Jahre später der Sportclub Rapid werden. Grund genug, sich die Gründungsgeschichte etwas genauer anzusehen.

Wien um 1897

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die Europa im Zuge der industriellen Revolution durchlief, trafen auch Wien mit voller Wucht. Die alte Kaiser- und Residenzstadt wurde im 19. Jahrhundert zur Metropole. Symbolhaft hierfür stehen das Abreißen der alten Stadtmauer und die Eingemeindung der Vorstädte und Vororte. Die Stadtmauer war militärisch überholt und die Stadt brauchte Platz um zu wachsen. Heute zeugt die Wiener Ringstraße mit ihren Prunkbauten von dieser Entwicklung. Der Bau der Ringstraße war aber nicht nur architektonisch relevant. Für die Errichtung der Palais war vor allem eines Notwendig: Arbeitskraft. Menschen aus der ganzen Monarchie (vor allem aus Böhmen und Mähren) zogen nach Wien, um Arbeit zu finden. Lebten um 1830 etwa 400.000 Menschen auf dem Gebiet des heutigen Wiens, waren es 1910 über zwei Millionen.

Wien wurde zur Industriestadt. Wichtige Wirtschaftszweige waren die Bau-Wirtschaft (Stichwort Ziegelproduktion), Maschinenherstellung, die Lebensmittelproduktion sowie die Textilindustrie. Die wirtschaftliche Entwicklung hatte aber auch eine Kehrseite: die Wiener Arbeiterschaft lebte im Elend. Weite Teile der Außenbezirke wurden zu Slum-ähnlichen Gegenden. Noch 1917 hatten nur etwa fünf Prozent der Wiener Wohnungen einen eigenen Wasser-Zugang und eine Toilette. Heutige Standards wie der Acht-Stunden-Tag, Urlaub, freies Wochenende etc.  lagen noch in weiter Ferne. Fünfzehn Stunden Arbeit pro Tag an sieben Tagen der Woche waren keine Seltenheit. Und selbst von dieser Arbeit konnte man kaum leben.

Entstehung der Arbeiterbewegung

Kein Wunder, dass sich Widerstand gegen diese Verhältnisse entwickelte. Die Arbeiterbewegung fand vor allem ab den 1890er Jahren enormen Zulauf. Neben der 1888/1889 gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei wurden Gewerkschaften, Konsum- und Freizeitvereine gegründet. Sie alle sollten das Leben der Arbeiter verbessern. Durch klassische Politik genauso wie durch Selbstorganisation: Mit Solidarität und Zusammenhalt half man sich gegenseitig aus der Misere.

Da Arbeiter in der Regel aus den schon vorhandenen bürgerlichen Sportvereinen ausgeschlossen waren wurden auch eigene Vereine zur körperlichen Ertüchtigung des Proletariats gegründet. 1892 gilt als die Geburtsstunde der österreichischen Arbeitersport-Bewegung. Fünf Jahre später war es soweit und der 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club wurde formell gegründet. Am 22. Juli 1897 wurden die Gründungsstatuten von den Behörden offiziell genehmigt, womit ein neuer Stern am jungen Wiener Fußballhimmel erschien.

 

Es ist wohl auch kein Zufall, dass die Schmelz der Ort der ersten Spiele des Arbeiter-FC war. Die Gegend rund um die Schmelz ist eine klassische Wiener Arbeitergegend. Hier hausten die aus allen Teilen der Monarchie nach Wien gezogenen Arbeiter die in den Fabriken des Wiener Westens ihrer Arbeit nachgingen. Die Gegend entwickelte sich auch zunehmend zu einem Zentrum der Wiener Arbeiterbewegung, unzählige Organisationen und Vereine wurden hier gegründet, viele Arbeiterdemonstrationen nahmen hier ihren Ausgang. Auch die Farben, in denen der junge Arbeiter-FC auflief, zeigen eine klare Verbindung zur Arbeiterschaft. Die Farb-Kombination Blau-Rot kam im Firmenlogo der Hutfabrik vor, sie zeigte aber auch zwei wichtige symbolische Farben der Arbeiterbewegung: Rot steht für die Gleichheit, Blau für die Freiheit.

Vom Arbeiter FC zum SCR

Heute ist leider nicht mehr viel über die Zeit von der Gründung des 1. Wiener Arbeiter Fußball-Clubs bis zur Umbenennung am 8. Jänner 1899 bekannt, vieles bleibt im Dunkeln. Die ersten bekannten Spiele fanden erst im September 1898 statt. Dabei blieben Erfolge größtenteils aus, die Arbeiter mussten zum Teil zweistellige Niederlagen einstecken. Bei hohen Niederlagen wurde fortan von "Arbeiterresultaten" gesprochen. Dennoch wurde etwas anderes aufgezeigt: die Spieler steckten die Niederlagen gut weg und gaben auch nach einem hohen Rückstand nicht auf, der für Rapid immer noch so wichtige Kampfgeist war geboren.

Am 8. Jänner 1899 wurde schließlich aus dem 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club der Sportclub Rapid. Den Antrag für die Umbenennung stellte der Klubsekretär Wilhelm Goldschmidt. Für die Gründe der Umbenennung sind zwei Varianten überliefert. Als ein Grund werden die sportlichen Misserfolge genannt, es sollte somit ein symbolischer Neuanfang gewagt werden. Eine andere Variante geht davon aus, dass man der Verfolgung durch die kaiserlichen Behörden entgehen wollte, galten doch für die Obrigkeit alle Vereine die das Wort "Arbeiter" im Namen hatten als potenziell gefährlich. Noch bis 1906 beibehalten wurde aber die Farb-Kombination Blau-Rot, die auch heute noch als die Zweitfarben des SK Rapid gelten. Nicht umsonst ist etwa der Rapid-Schriftzug im Rapid-Wappen in blau-rot gehalten.

Die Gründung des 1. Wiener Arbeiter Fußball-Clubs liegt 120 Jahre zurück, dennoch erzählt er uns auch heute noch von unseren Ursprüngen und ist Teil der Vereinsidentität. Die Geschichte Rapids ist ohne die Geschichte der Arbeiter-Fußballer nicht denkbar. Auch in unserem Leitbild heißt es entsprechend: "Unser legendärer Zusammenhalt wurzelt in der Solidarität unter den Familien, Nachbarn und Arbeitern auf der Schmelz."

Tipp: Ihr seid interessiert an unserer Geschichte? Dann schaut bei uns im Vereinsmuseum Rapideum in Hütteldorf vorbei!

(lr)